Mrz 012017
 

Felix Powroslo_Workshop_c_Jasmin Koenemann_Presse (640x427)Von Nina Ruckhaber

Wer sich in der aktuellen populären A-cappella-Szene bewegt, kommt an Felix Powroslo (Foto: Jasmin Koenemann) nicht mehr vorbei. Der Musicaldarsteller (u. a. Blue Man Group) ist neben seiner eigenen künstlerischen Tätigkeit heute hauptsächlich als Regisseur und Bühnen- sowie Stimmcoach tätig und arbeitet u. a. mit den Künstlern Bodo Wartke, den Wise Guys, Maybebop und Onair zusammen. Da er in der Chorszene als Präsenzcoach bundesweit sehr gefragt ist, begegnet man ihm als Dozenten natürlich auch beim jährlichen Vokalfest Chor@Berlin im Radialsystem V. Dieses Jahr war er mit den zwei Workshops „Viel mehr als nur Noten – Präsenz und Interpretation“ sowie „Das Musizieren und die Emotionen“ dabei – hier ist unser Erfahrungsbericht.

DSC02742 (640x480)Zugegebenermaßen kenne ich Felix‘ Arbeit bereits aus früheren Veranstaltungen bei anderen Events, doch dieses Mal melde ich mich erstmals als aktive Teilnehmerin zu einem seiner Workshops an und lasse mich somit auf ein Einzelcoaching vor der gesamten Gruppe ein.

Der Workshop zum Thema Präsenz und Interpretation beginnt mit einer kurzen Einführung und praktischen Übungen für alle Kursteilnehmer. Wir gehen durch den Raum, lernen Körper und Atem gezielt neu wahrzunehmen und zu steuern, üben uns in ungezwungener Kontaktaufnahme und dem Abbau eigener Hemmungen im Umgang miteinander. So werden alle Teilnehmenden eingeladen, sich mit sich selbst in Bezug auf ein Gegenüber auseinanderzusetzen, in sich hineinzuhorchen und die Auswirkungen auch minimaler Veränderungen der eigenen Präsenz hautnah und unmittelbar zu erfahren. Anschließend gibt es ausreichend Gelegenheit, die gewonnenen Erfahrungen mit denen der anderen abzugleichen. Die Stimmung innerhalb der Gruppe hat sich meinem Empfinden nach positiv verändert, man ist sich nun viel vertrauter und nicht mehr so fremd und unbekannt wie zu Beginn.

DSC02759 (640x480)Die zweite Workshop-Hälfte wendet sich dann der praktischen Einzelarbeit zu – und somit komme ich zum Zuge. Ich habe die Ballade „Gabriellas Sång“ aus dem Kinofilm „Wie im Himmel“ mitgebracht und werde von Felix nach vorne gebeten. Nach einer kurzen Tempo-Absprache mit dem Pianisten Tom van Hasselt hoffe ich darauf, möglichst bald anfangen zu können, damit bloß keiner meine große Nervosität bemerkt. Genau die will Felix jedoch thematisieren und lässt mich genau beschreiben, wie und wo ich sie in meinem Körper spüre.

So kommt zur Nervosität wegen meiner Performance die Überwindung hinzu, vor der großen Gruppe meine Symptome zu erläutern – wer gibt schon gerne ein schnell klopfendes Herz, feuchte Hände und zittrige Knie zu? Aber wer bei Felix Powroslo einen Workshop als aktiver Teilnehmer bucht, muss sich hin und wieder überwinden … Immerhin dürfen nun alle im Raum meine Nervosität nach- und mitempfinden; das Elend, mit dem ich eben noch so allein war, wird also gemeinschaftlich in der Runde geteilt und schon geht es mir besser. Meine Nervosität ist gelindert und ich habe zudem noch einen positiven Kontakt zum Raum und den Workshop-TeilnehmerInnen hergestellt.

DSC02751 (640x480)Dann singe ich allen mein Lied vor, natürlich immer noch aufgeregt und unsicher, aber eigentlich bin ich ganz zufrieden. Keine großen Emotionen meinerseits oder im Publikum, aber der lange Applaus im Anschluss erleichtert mich. Nach einer kurzen Feedback-Runde beginnt die Arbeit am Song. Felix erfragt den Zusammenhang des Stücks im Film und ich erzähle von der Rolle der Gabriella, die von ihrem Mann geschlagen wird und durch ihr Mitwirken im Kirchenchor den Mut und das Selbstvertrauen findet, sich von ihm zu distanzieren und ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Da es sich um ein schwedisches Lied handelt, bittet Felix mich, den Text auf Deutsch möglichst inhaltsgetreu nachzusprechen – Zeile für Zeile und in aller Ruhe. Das schafft im Raum eine besondere Atmosphäre, da der Text recht ergreifend ist.

Nun fordert Felix mich auf, mir meine eigene Gabriella vorzustellen und sie zu beschreiben. Es liegt eine sonderbare Stille im Raum. Gabriella steht vor meinem geistigen Auge und ich kann in ihre Rolle schlüpfen. Aus dieser Rolle und ihren Emotionen heraus singe ich den Song nun erneut, ganz leise, ganz vorsichtig. Ich empfinde eine dichte Atmosphäre im Raum. Diesmal soll ich sehr intensiven Blickkontakt zum Publikum aufnehmen – und halten. Der Blickkontakt zum Publikum wird fast unerträglich, einige Zuhörer haben Tränen in den Augen. Ich singe die letzten Zeilen des Liedes, die letzten Töne des Flügels verklingen – absolute, fast unwirkliche Stille. Dann endlich ertönen die ersten Klatscher im Raum; ich bin unendlich erleichtert und stolz. Das folgende Feedback der Zuschauer ist ausschließlich positiv.

Nach mir folgt eine zweite Sängerin, die ein eher humoristisches Stück – „Senil am Nil“ – darbietet. Doch auch hier gelingt es Felix Powroslo, dem Song eine gewisse Tiefe abzugewinnen, die bewirkt, dass wir ZuschauerInnen uns nach 30 Minuten emotional angesprochen und gut unterhalten fühlen.

DSC02741 (640x480)Den zweiten Workshop zum Thema Musizieren und Emotionen leitet Felix zusammen mit der Psychotherapeutin Andrea Riedl (Foto, li.) sowie der Ethnologin und Musikwissenschaftlerin Franziska Riedl (Foto, re.). Es beginnt mit einem Gespräch mit den Teilnehmenden, was man mit Musik generell erreichen möchte und welche Rolle Emotionen darin spielen.

Im folgenden Vortrag geht es darum, Musik im Zusammenhang mit unseren Emotionen zu erklären. Musik wird u.a. als evolutionäre Anpassung erläutert. Die emotionale und neurophysiologische Wirkung des Singens führt zur Hormonausschüttung. Gemeinsam stellen wir uns die Frage, warum wir überhaupt Musik hören und warum wir ins Konzert gehen? Psychodynamische Überlegungen zeigen, dass viele Menschen emotionale Aktivierung und Veränderungen in Konzerten suchen. Nach dem Theorieteil beschäftigt sich Felix aktiv mit den Teilnehmenden und stellt Übungen vor, erst in der großen Gruppe, gegen Ende auch mit einer einzelnen Teilnehmerin. Auch hier schaffte er es binnen kurzer Zeit, eine emotionale Veränderung im Raum zu erzeugen.

Begegnet man den Workshop-TeilnehmerInnen anschließend im Foyer, befinden sich viele noch in Gesprächen über das zuvor Erlebte. Man fragt sich, was die Menschen an Felix Powroslos Workshops so derart fasziniert und bewegt? Ist es der sehr zugewandte, wertschätzende und immer persönliche Umgang mit den Teilnehmenden? Ist es die enorme Fachkompetenz und Praxiserfahrung, mit der er uns SängerInnen coacht und in unserer Bühnenpräsenz unterstützt? Ist es die Selbstverständlichkeit, mit der er jeden Menschen so nimmt und akzeptiert wie er ist? Oder ist es vor allem seine Fähigkeit, uns in emotionale Situationen zu führen, die wir vorher nicht zulassen wollten, und uns somit an den Grenzen ihres Ausdrucks weiterzuhelfen?

Er lehrt in seinen Workshops, dass das Publikum umso stärker berührt wird, je echter und wahrhaftiger die SängerInnen auf der Bühne agieren. Und vermutlich ist dies der Punkt, den wir mit ihm im kleinen Workshop-Setting ebenso erleben und schätzen.

  One Response to “Felix Powroslo und die Emotionen – ein Selbstversuch”

  1. Liebe Nina,
    Danke für deinen Bericht. Es klingt, als würde man intensive Erfahrungen in seinen Workshops machen. Dir ist es noch dazu gelungen, Emotionen an den Leser zu übertragen. Toller Artikel!
    LG, Tiana

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