Feb 272017
 

DSC02579 (640x480)Von Nora-Henriette Friedel

Am Freitagabend erlebte Chor@Berlin vor nahezu ausverkauftem Haus eine spannende Uraufführung: Harald Weiss‘ „Ode an die Nacht“ für Doppelchor und Mädchenchor, indischen Gesang und Bluesgesang, Sprecherin, Klavier und Synthesizer, Perkussion, Geige, Kontrabass, Knopfakkordeon und elektroakustisches Zuspiel. Unter der Leitung von Thomas Hennig hoben der Berliner Mädchenchor, der Concentus Neukölln – Ensemble der Musikschule Paul-Hindemith und der Kammerchor Berlin gemeinsam mit InstrumentalistInnen unter der Leitung von Thomas Hennig das „zerknitterte kleine Baby“ aus der Taufe, um es mit den Worten des Komponisten Harald Weiss zu sagen. Hier lassen wir den Abend in Wort, Bild und Ton noch einmal Revue passiere.

Das Stück bildet den Abschluss von Weiss‘ Zyklus über die Finsternis und vertonte verschränkte Textfragmente aus Ovids Metamorphosen, den Prophezeiungen der Hopi, Hölderlins „Da ich ein Knabe war“, der Schöpfungsgeschichte aus dem Johannesevangelium und Texte des Komponisten selbst. Außerdem waren indische Sprichwörter zu hören, gesungen von Manickam Yogeswaran, einem tamilischen Musiker aus Sri Lanka.

DSC02566 (640x480)So unterschiedlich die Texte, so divers auch die stilistischen Elemente, die die „Ode an die Nacht“ miteinander verwob. Das gut einstündige Stück beschrieb eine fortwährende Pendelbewegung, ähnlicher einer Meeresbrandung oder dem Atmen eines Schlafenden, etwa zwischen solistischem indischen Ragagesang und dem anschwellenden Klang dreier Chöre, zwischen einem Fortissimo mit Gong, Donnerblech und elektronischen Geräuschcluster und zartem, melodischem Mädchenchorgesang, zwischen hohen Röhrenglocken, die in Sopranschreie übergingen, und tiefen Bässen, die sich auf der Sprache der Hopi Mut rhythmisch zusangen, zwischen gesprochenem Wort und einer kaum hörbar gekrächzten Bluesmelodie. Beeindruckend, wie die so unterschiedlichen Beteiligten aus den disparaten Elementen der Partitur lebendiges Ganzes schufen.

DSC02584 (640x480)Dieses „zerknitterte Baby“, wie der Komponist es im Workshop am Samstag nach der Uraufführung nannte, entsprach aber noch nicht ganz der inneren Vorstellung, die sein Schöpfer von ihm hatte. Das habe immer auch mit den Bedingungen der Produktion zu tun, etwa, dass erst zur Generalprobe alle (bis auf einen) Mitwirkenden erstmals zusammenkamen, um ihre Parts im Sinne des Komponisten aufeinander abzustimmen – so etwas sei meist eine Budgetfrage. „Aber das Baby ist da und kann jetzt rote Wangen kriegen“, sagt Harad Weiss, der sich im Nachgang an die Überarbeitung der Partitur machen will – was ganz normal sei, wie er sagt –, bevor das Stück demnächst in der Stuttgarter Liederhalle, in Köln und Maastricht erneut zur Aufführung kommt.

DSC02620 (640x480)Als Komponist verstand sich Weiss, dessen Werke seit 30 Jahren bei Schott Music verlegt werden, lange Zeit auch als Performer, der noch während der Einstudierung weiter an seinen Werken arbeitete. „Inzwischen bin ich müde und weise und gebe die fertige Partitur auch ab“, sagt er. Mit Thomas Hennig als musikalischem Gesamtleiter hatte er aber einen alten Vertrauten und Kollegen als Gegenüber: Der Berliner Dirigent ist selbst auch Komponist, der den engen Austausch mit Weiss beim Erarbeiten der Uraufführung schätzte, wie er ebenfalls im Nachgespräch sagte.

Harald Weiss, geboren 1949, suchte immer schon Wege abseits der besonders in seiner Studienzeit dominierenden Neuen Musik, begab sich auf intensive Studienjahre nach Indien und Ghana, um die dortigen Musikkulturen und besonders die jeweilige Percussion-Tradition zu studieren und lehrte als Professor im brasilianischen Salvador de Bahia, bevor zurück zu seiner Heimat, der europäischen Musiktradition fand.

DSC02564 (640x480)„Ich möchte Menschen mit meiner Musik erreichen“, sagte er, „ich schreibe nicht Musik, um zum Beispiel die physikalischen Möglichkeiten der Stimme auszuloten.“ Was er komponierte, sei lange als zu tonal, zu harmonisch und verständlich wahrgenommen worden, was ihm den Erfolg als Komponist verwehrt habe. „Aber selbst in Musik, die wie in der Aleatorik durch den Zufall generiert wird, sucht der Mensch eine Ordnung, einen Rhythmus, einen Kontext, in den er sie einbetten kann“, ist Weiss‘ Erfahrung. Kurz: „Das Herz will einen Anteil an der Musik haben.“ Besonders mit überdeterminierter, bis in kleinteiligste Elemente ausnotierter Neuer Musik, die schwer zu erarbeiten und zu proben sei, aber in dieser Differenziertheit auch mindestens ebenso schwer bis gar nicht mehr erfassbar durch Zuhörende, hatte Weiss seine Schwierigkeiten. Ihn leiteten vielmehr beim Komponieren die Maximen, sich zu fragen, was wirklich notwendig sei und was weggelassen werden könne, und ein Stück immer mit einer Dramaturgie im Kopf zu entwickeln.

DSC02576 (640x480)Weiss‘ Ode an die Nacht endet mit den Worten „Wir sind die, auf die wir gewartet haben“, aus der Hopi-Prophezeiung. Diese einerseits endzeitlich anmutende Aussage lässt sich andererseits auch als Ermutigung interpretieren – nicht zuletzt für Chöre, auf KomponistInnen zuzugehen und gemeinsam Neues zu wagen. Aber auch für diejenigen, die solche Arbeit erst möglich machen, zum Beispiel die zukünftigen jungen ChormanagerInnen, die bei Chor@Berlin im Rahmen ihrer Weiterbildung hinter die Kulissen der Entstehung einer Uraufführung schauen konnten. Hier erfuhren sie mehr darüber, wie Musik und Management ineinandergreifen. Denn gute Musik braucht auch Zeit und Raum, beides eine Frage des Geldes – Leidenschaft allein reicht nicht aus.

In unserem fünfminütigen Ausschnitt aus dem Konzert im Radialsystem V bekommen einen Eindruck der „Ode an die Nacht“ von Harald Weiss:

Chor@Berlin 2017: Ode an die Nacht (Ausschnitt) from Deutscher Chorverband on Vimeo.

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