Feb 172012
 

Die große Bach-Nacht bei Chor@Berlin im RADIALSYSTEM V war ein Konzert-Abend der besonderen Art: Während in der fast voll besetzten Halle das Alsfelder Vokalensemble und das Elbipolis Barockorchester Hamburg unter der Gesamtleitung von Wolfgang Helbich den Abend mit Teilen aus der a-Moll-Messe eröffneten, spielten fünf Stockwerke darüber im Studio A die Solisten Christian Rieger und Midori Seiler Bachs Sonate für Violine und obligates Cembalo G-Dur BWV 1019. Im Saal wurde zudem das Konzert aus der Halle übertragen. Die Konzertbesucher konnten also den ganzen Abend zwischen drei Orten wählen, die je nach Lust und Laune zum stillen Genießen Bachscher Musik, nebenher plaudern, trinken und essen oder auch entspannen einluden – denn im Salon A waren statt Stühlen weiche Matten und Kissen für die Zuhörer vorbereitet.

Viele Besucher waren von dieser Szenerie zunächst sichtlich irritiert, doch nach wenigen Augenblicken ließen sie sich auf die ungewohnte Situation ein, suchten sich ihr Plätzchen, schüttelten das Kissen auf und ließen sich mit einem Seufzer nieder. Auch im Saal war die Stimmung unglaublich entspannt, während auf der Leinwand in exzellenter Tonqualität – Kommentar einer Besucherin: „Hier hört man das ja fast besser als nebenan im Konzertsaal!“ – die Kantate „Ich hatte viel Bekümmernis“ BWV 21 zu sehen und zu hören war.

 

In der Bach-Nacht begaben sich das Alsfelder Vokalensemble und das Elbipolis Barockorchester Hamburg gemeinsam mit dem Gesualdo Consort Amsterdam und renommierten Instrumentalsolisten auf die Spuren des „echten“ Johann Sebastian Bach. Viele Stücke, die ursprünglich zu den Kompositionen Bachs zählten, wurden im Lauf der Zeit in den Anhang des Bach-Werke-Verzeichnisses zu den so genannten apokryphen, d. h. verborgenen, Werken verschoben, da ihre Autorschaft als zweifelhaft oder als fälschlich zugeschrieben galt. Dort blieben sie von Musikforschung und Öffentlichkeit weitestgehend unbeachtet. In kleinen Kammerkonzerten und auf der großen Bühne des RADIALSYSTEM V wurden einige dieser Stücke mit geheimnisvoller Urheberschaft „echten“ Werken des berühmten Thomaskantors gegenübergestellt.

Während im Erdgeschoss die großen Stimmen den Ton angaben, ließen fünf Stockwerke darüber Georg Kallweit und Midori Seiler, begleitet von Christian Rieger am Cembalo, ihre Geigen singen. Chor@Berlin war also nicht nur vokal, doch die drei Solisten bewiesen eindrucksvoll, wie nahe sich Streichinstrumente und die menschliche Stimme sind. Etwa in der Sonate für zwei Violinen und Basso continuo G-Dur BWV 1038, deren Urheberschaft unklar ist. Als Komponisten kommen neben Bach selbst ebenso seiner Söhne wie Schüler von ihm in Frage. Oder, wie es Georg Kallweit in seiner Ansage formulierte: „Die Sonate kommt auf jeden Fall irgendwie aus der Bach’schen Küche.“ Die Zuhörer ließen es sich schmecken!

 

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