Sep 232011
 
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Zuerst nur unverständliches Gemurmel, ein Teil des Doppelchores steht links an der Wand, während der andere schon in Singstellung ist. Aus den Sprachfetzen werden die Worte Jesajas hörbar: „Fürwahr, er trug unsere Schmerzen…“ Mit diesem Bezug auf das Alte Testament beginnt Ernst Peppings forderndes Werk „Passionsbericht des Matthäus“, das in einer Aufführung des Rundfunkchors Berlin im Konzerthaus Dortmund das Publikum begeisterte. Foto: Christoph Müller-Girod

Pepping hält sich sehr eng an den Passionsbericht des Evangelisten Matthäus und löst sich nur selten von dessen Text. Das „Cruzifixus etiam pro nobis“ der lateinischen Messen ist kommentatorisch zu hören, ebenfalls Worte aus dem Lukas-Evangelium – am Ende bezieht Pepping den Prolog des Johannes-Evangeliums mit ein. „Das Licht leuchtet in der Finsternis, doch die Finsternis hat’s nicht ergriffen“ – 1949, als das Werk entstand, mögen diese Worte einen besonderen Klang gehabt haben und haben ihn auch in der musikalischen Vertonung.

Dirigent Stefan Parkman lässt dabei den Rundfunkchor Berlin szenische Kommentare zum Werk Peppings vollführen – nach der Festnahme Jesu flieht der Chor wie die Jünger zu den Seiten hin, Pontius Pilatus Fragen stellen die Männersolisten aus dem Publikum. Zum Ende hin wird Wasser in Schüsseln gegossen, Tücher auf die Bühne gebracht, wird angedeutet, was nach dem Tod Jesu mit dessen Körper geschehn wird. Überraschend auch: Der Rundfunkchor Berlin kommt nicht in Einheitsuniform oder festlich gekleidet auf die Bühne, sondern offenbar so, wie die Sänger auch zu den Proben erscheinen. Es irritiert zunächst, doch wenn man in Betracht zieht, dass 1949 andere Dinge dringlicher waren als Festkleidung, passt dies in das Konzept des Konzerts gut hinein.

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Foto: Christoph Müller-Girod

Peppings Musik ist fordernd: Sie bleibt zwar immer tonal, schichtet aber bisweilen reibende Akkorde auf. Die Doppelchörigkeit nutzt Pepping bewusst: Teils als Echo wie bei der Stelle, wo es um den Verrat Petrus‘ geht, teils bewusst kommentierend. So kontrastiert das „Cruzifixus“ den Teil, in dem von dem Vorgang der Kreuzigung bei Matthäus selbst die Rede ist. Milde harmonische Stellen sind selten in diesem Werk, das von Leid, Schmerz und Entbehrung berichtet. Man spürt, wie nah der verlorene Krieg ist.

Die dazu eingespielten Bilder auf dem Videotryptichon hinter dem Rundfunkchor Berlin verdeutlichen dies noch: Während in der Mitte überwiegend Ikonendarstellungen zu sehen sind, die die Geschichte der Passion nachzeichnen, wird rechts und links das zerbombte Berlin gezeigt. Und während der Schluss in Peppings Musik schließlich doch zu einem harmonischem Dreiklang findet, leuchtet oberhalb des Chores das Bild der Eisenbahnschienen vor dem Eingangstor von Auschwitz auf. Ein nachdenklich machendes Schlussbild.